Sprichwörtliches
aus der Bibel

Lass diesen Kelch
an mir vorübergehen

 

Das sagen wir gerne, wenn wir von etwas Schlechtem oder Schwierigen verschont werden möchten, das sich bereits angekündigt hat.

Diese Redensart geht zurück auf die Gebetsworte Jesu im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Kreuzigung. Jesus hatte Angst. Er wusste, was auf ihn zukommen würde, und sprach: »Mein Vater, wenn es möglich ist, dann lass diesen Kelch an mir vorübergehen und erspare mir dieses Leiden! Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.« So überliefert Matthäus 26,39 die Worte Jesu. Bei Lukas (22,42) und Markus (14,36) heißt es: »… nimm diesen Kelch von mir …«

Aber warum ist hier von einem Kelch die Rede, der vorübergehen soll? Der Kelch spielte in der israelitisch-jüdischen Kultur eine wichtige Rolle – zum Beispiel bei Trauerzeremonien: Es wird ein gemeinsamer Kelch herumgereicht. Wer daraus trinkt, bringt zum Ausdruck, dass er am Leid und Schicksal der anderen teilnimmt. Der Inhalt des Kelchs bedeutet das Schicksal, das einem beschieden ist.

Jesus ringt im Garten Gethsemane um sein Schicksal: Den Kelch des Leidens zu trinken ist die Konsequenz seines Lebens und Wirkens. Bei seinem letzten Abendmahl mit den Jüngern reicht er seinen Jüngern einen realen Kelch mit Wein, der für sein Blut steht, das er für die Vergebung der Sünden der Menschen vergießen wird.

Im alltäglichen Sprachgebrauch hat unser Sprichwort keine religiöse Bedeutung mehr. Der Kelch steht für eine leidige Arbeit oder die entbehrliche Begegnung mit einem Menschen.

 

Dr. Ursula Bernhardt

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